Smalltalk

Pulp Fiction ist einer der besten Filme aller Zeiten. Ich rede grundsätzlich nicht gerne in Superlativen, deshalb belassen wir es vorerst dabei. Jedenfalls ist es für mich immer wieder ein Erlebnis, diese Geschichte, oder vielmehr diese Geschichten, zu erleben. Aus unbekannten Gründen bin ich mir auch zu Beginn nie so zu 100 % sicher, wie der Film beginnt. Ebenso, wie er endet. Dass es praktisch in beiden Fällen die gleiche Szene ist, macht hierbei keinen Unterschied.

Quentin Tarantino weiß halt einfach, wie man eine Geschichte rüberbringt. Wie man sie erzählt und wie man wahnwitzige Dialoge schreibt, die über etliche Stunden unterhalten können, in denen man die Zeit gar nicht vergehen spürt. Wenn es neben ihm nicht noch Christopher Nolan gäbe, könnte ich hier einen meiner verhassten Superlative auspacken und ihn als meinen Lieblings-Regisseur abstempeln.

In Zeiten wie diesen wünsche ich mich in die Zeiten vom Celebrity Deathmatch auf MTV2 zurück, um einen eindeutigen Gewinner ausmachen zu können. Oder einen dieser Epic Rap Battles von nicepeter und co. Das wäre schön. Ich könnte auch einfach eine Münze werfen. Das soll gut funktionieren, weil man dann sehr schnell merkt, was man wirklich wollte, weil man das Ergebnis entweder hinnimmt oder umwerfen möchte. Klingt logisch. Ist es auch.

Zurück zu Pulp Fiction und einer ganz spezifischen Szene, in dem es um einen bestimmten Dialog geht. In einem Film, in dem sehr viel geredet wird, ist das etwas unspezifisch aber es geht um John Travolta und Uma Thurman im Lokal. Bevor sich Uma auf die Toilette entschuldigt, um das zu tun, was Frauen immer dort tun (scheinbar nehmen sie dort Drogen – danke Herr Tarantino für diese Aufklärung), gibt sie dem armen John noch die Aufgabe, sich ein Thema zu überlegen, über das sie reden können, sobald sie zurück ist.

Ich kann nur hoffen, dass ich nie in einer solchen Situation sein werde. Denn ich weiß, dass mein Gehirn an diesem Punkt zu 100 % auf Durchzug stellen würde. Wenn sie zurückkäme, wüsste ich nicht einmal mehr meinen Namen. Sich ein Thema zu überlegen, ist schon schwer genug aber das auch noch auf Anfrage und unter Zeitdruck zu tun, halte ich für praktisch unmöglich. Als sie zurückkommt, hat John tatsächlich ein Thema, doch wenn ich in seiner Haut gesteckt hätte, hätte ich dem Himmel dafür gedankt, dass in der Zwischenzeit die zuvor bestellten Burger serviert wurden, damit es etwas Ablenkung gibt und das geforderte Thema vielleicht sogar unter den Tisch fällt und für immer in Vergessenheit gerät.

Bevor Uma den armen John jedenfalls in diese Situation brachte, hatten sich die beiden nichts zu sagen. Wir reden hier von einem Gangster / Auftragskiller, der mit der Frau seines „Chefs“ den Abend verbringt, damit sie sich nicht langweilt oder einsam ist, während er seinen Geschäften nachgeht. Es ist also kein Date, sondern mehr eine Art Geschäftsessen. Aber sie soll Spaß haben. Sie kennen sich jedenfalls nicht und haben sich nach dem Austausch einer Zigarette nichts zu sagen. Und Uma stellt das sogar noch infrage, warum Menschen denn immer etwas sagen müssen, um sich wohler zu fühlen. Warum wird Schweigen als bedrückend angesehen? John hat darauf keine Antwort. Woher auch? In der Situation würde mir ne Knarre auch nicht weiterhelfen.

Auf jeden Fall sind sich beide darüber einig, dass etwas gesagt werden sollte, weshalb er mit einem Thema aufwarten soll. Und so unfair ich diese Aufgabe auch finde, ich finde es immer noch besser als hirnloser Smalltalk.

Es ist wunderbar, wenn eine Partei etwas zu sagen hat. Etwas, dass ich nicht auch alleine herausfinden könnte. Es ist für mich eines der unnötigsten Dinge der Welt, wenn manche Leute etwas aussprechen, was ich buchstäblich selber gerade sehen kann. Sollte Sprache nicht dazu genutzt werden, um Dinge auszutauschen? Um es ganz banal auszudrücken, könnte jemand, der über das Wetter labert (denn sprechen kann man das nicht nennen) auch sagen: „Mensch, Schnee ist weiß.“ Was soll ich denn darauf antworten? „Wasser ist nass?“ Wozu führt das? Ich möchte auch kein Gespräch führen, bei der meine einzige Antwort eine Zustimmung sein kann.

Es ist etwas ANDERES, wenn eine Person über etwas schwärmt, was ihr gefällt und ich nur zustimmen kann. Sie teilt mir etwas mit, was ich nicht kenne, was ich aus diesem Blickwinkel vielleicht noch nicht ghört habe. Etwas, dass sie beschäftigt oder fasziniert.

Ich habe viele Videos auf YouTube geguckt über Themen, die mich eigentlich nicht sonderlich interessieren. Aber die Leute waren dann mit einem Enthusiasmus dabei oder mit einem Fachwissen und mit einem Interesse, dass es einfach Spaß gemacht hat zuzuhören. Jemandem dabei zu lauschen, der wirklich Ahnung von etwas hat und das noch einigermaßen charismatisch rüberbringt, ist fantastisch. Bitte erzähl mir von deinem Hobby! Ganz egal, wenn ich davon keine Ahnung habe – wenn du nicht selber ständig alles überspringst und abkürzt, um „mich nicht zu langweilen“, dann höre ich definitiv mit höherer Wahrscheinlichkeit aufmerksam zu. Jemand, der seine eigene Begeisterung zurückhält oder das Thema immer wieder klein macht, bringt mich nicht dazu, ihm zuzuhören. So nach dem Motto „aber das interessiert dich wahrscheinlich nicht“ ist die falsche Herangehensweise. Erzähle, mit Feuer in den Augen!

Ich will nur sagen: Ich hasse Smalltalk. Und ich hasse nicht viele Dinge. Mais z.B. Aber das ist ein anderes Thema.

Ich will nicht sinnlos über das Wetter reden und spekulieren, wie viel es letzte Nacht geregnet hat. Ich will nicht wissen, dass dein Hund Durchfall hat. Es juckt mich nicht, was du gefrühstückt hast oder ob du gut hergefunden hast. Ich möchte nicht gefragt werden, ob mein Wochenende in Ordnung war oder wie ich meinen Urlaub fand, wenn die beiden einzig akzeptablen Antworten „gut“ und „zu kurz“ sind, weil du eine richtige Antwort gar nicht hören willst. Dann frag auch nicht!

ABER! Wenn du hobbymäßig das Wetter analysierst und aufzeichnest und da etwas Interessantes bemerkt hast und mir ein paar Minuten Vortrag zu halten willst, dann hab ich Interesse und am Ende wahrscheinlich ein paar Fragen. Wenn dein Hund mit Durchfall diesen erst auf der Hundeshow bekommen hat und da etwas passiert ist und du eine Anekdote erzählen kannst, dann will ich die hören. Wenn dein Frühstück außergewöhnlich ist, weil du großer Hobbykoch bist, ist das interessant! Wenn auf deinem Weg hierher etwas passiert ist, was wirklich erwähnenswert ist (nein, eine grüne Welle ist das nicht!), dann immer her damit!

Ich bin der festen Überzeugung, dass man nicht immer irgendetwas sagen muss. Ich kann Schweigen hinnehmen, wie John Travolta es getan hätte. Ich möchte auch ein richtiges Thema haben, wie Uma Thurman. Sie beide hatten die richtige Herangehensweise, obwohl sie teils konträr ist. Aber bitte fang keine Gespräche an, die nach zehn Sekunden vorbei sind. Das ist kein Gespräch. Das ist ne Krankheit.

Den Entwurf hab ich übrigens nachts um zwei Uhr geschrieben. Falls es also kreuz und quer sein solte, wisst ihr, warum.

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